"Maybe theory is biography, presenting it is a lecture, and doing a lecture is performing.
Thank you for your attention. I'd be glad to answer any questions you might have."
(Xavier Le Roy)
Lecture performances have become a popular artistic format in recent years. Even though formally quite limited they offer unique and complex possibilites and challenges: Lecture as performance, reflection as self reflection, content as form, language as action. This blog accompanies the series of lecture performances, organized by Unfriendly Takeover in Frankfurt. Please feel free to post comments, critique, essays, bibliographies or just short remarks around the genre of lecture performances. As an continuing, ever changing definition in progress.

Extra Clear Power

Mitten aus dem Publikum schreitet ein schlaksiger Typ nach vorne zu seinem Rednerpult. Während er noch geht, fängt er schon an, zu erzählen. Er fordert uns in einem merkwürdig gekünsteltem Tonfall auf, uns doch unsere Phanatasien mitzuteilen. Wenig später wird klar, warum. Hinter seinem kleinen Tisch, auf dem ein Laptop lästiges Papier als Vortragsscript ersetzt hat, wird ein Filmausschnitt auf die Rückwand projiziert, in dem der Schauspieler Kevin Spacey in der Rolle eines Professors während einer Vorlesung seine Studenten auffordert, eben das zu tun. Weitere nachgespielte Filmszenen sollen folgen.
Mårten Spångbergs Lecture-Performance „Extra Clear Power“, einer Mischung aus Vortrag und Spielszenen, die die Grenze zwischen echt und gespielt einreißen möchte, bildete den Auftakt einer Reihe von Vorträgen, die die Frankfurter Kulturinitiative „Unfriendly Takeover“ einmal im Monat in ihren Räumen im Atelierfrankfurt veranstaltet. Hatte die Gruppe bisher an wechselnden Orten innerhalb Frankfurts die Grenzen zwischen Kunst und Theorie ausgelotet, hat sie nun, wie zahlreiche andere Künstler, Architekten und Kulturschaffende auch, in einem ehemaligen Gebäude des Polizeipräsidiums in der Hohenstauffenstraße ein Büro bezogen. Die Stadt Frankfurt hat das Haus einer privaten Initiative zur Zwischennutzung zur Verfügung gestellt, bevor auf dem an das neue Europaviertel grenzende Gelände in drei bis fünf Jahren vielleicht doch der Millenium-Tower errichtet werden soll.
Der aus Schweden stammende und in Brüssel lebende Spångberg demonstriert uns in seinem Vortrag das Demonstrieren. Er eignet sich Sprache und Gesten der Schauspieler aus dem Filmausschnitten an, die so gewählt wurden, daß sie ebenfalls Vortragssituationen zeigen. Indem er sie so vor einem Live-Publikum lebendig werden lässt, verleiht er ihnen eine erneute Dringlichkeit und Unmittelbarkeit. Er versucht uns von der Stichhaltigkeit seiner Ideen und den Handlungsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, zu überzeugen. Daß Vorträge immer auch kleine Auftritte und Aufführungen sind, wie es Spångberg an zahlreichen Anekdoten von berühmten Vortragenden unterstreicht, weiß im Prinzip jeder, der schon einmal einem erlebt hat. Warum sollte man auch sonst hingehen? Wollte man den Vortragenden nicht live erleben, könnte man seine Ideen auch in aller Ruhe zu Hause nachlesen.
Ob die Geschichte von Einstein, der während einer besonders lebhaften Rede seinen Schuh verloren haben soll, erfunden oder wahr ist, ist dabei unerheblich. Ebenso wie die Logik und Stichhaltigkeit von Spångbergs eigenen Argumenten, die so manches mal eher dünn erscheinen. Viel wichtiger ist das, was er zu Beginn seiner kleinen Performance mit Hilfe von Kevin Spacey in die Runde geworfen hatte: daß nicht der Besitz von Gegenständen den Menschen glücklich macht, sondern die Möglichkeit der Imagination. Das lassen wir uns – egal ob bei einem Vortrag oder einer Bühnenperformance - doch gerne demonstrieren.
Gerald Siegmund in der FAZ