Ein junger Mann betritt die Bühne, setzt sich hinter einen Tisch und beginnt, kleine Karteikarten vor sich auszubreiten. Eine Kamera fängt sie ein und wirft die bunt bedruckten Karten auf eine Leinwand, damit die Zuschauer sie lesen können. Kleine Episoden aus seinem Leben werden erzählt, Worte gezeigt, die sich zu Geschichten und Kommentaren fügen. Über siebzig Minuten ginge das noch so weiter, verrät uns Pirkko Husemann: stumm und ohne nennenswerte Aktion. Anhand des kurzen Videoausschnitts von Juan Dominguez Performance „All Good Spies Are My Age“, den uns Husemann während ihres Vortrags im Atelier Frankfurt zeigte, kann sich der Betrachter schon die Frage stellen, was an diesem Stück denn Tanz oder Theater sein solle.
Unter dem leicht mißverständlichen Titel „Die anwesende Abwesenheit künstlerischer Arbeitsprozesse“ versuchte die junge Theaterwissenschaftlerin das Genre der „Lecture Performance“ einer systematischen Analyse zu unterziehen. Ihr Vortrag war der zweite in der Reihe über Lecture Performances, die die Gruppe Unfriendly Takeover im Gebäude des ehemaligen Polizeipräsidiums an der Hohenstauffenstraße in Frankfurt organisiert. Warum wählen immer mehr Theater- und vor allem Tanzkünstler das Format der wissenschaftlichen Vorlesung im Rahmen einer Aufführung und geben es als Kunst aus? Husemann war selbst Teil des Performance-Kollektivs Frankfurter Küche und stand in Xavier Le Roys Projekt „E.X.T.E.S.I.O.N.S“. im Studio und auf der Bühne. Als kleines performatives Element hat sie Zitate aus den Videobeispielen in ihren Vortrag eingebaut, die die Zuhörer erst im Nachhinein erkennen konnten. Wie Juan Dominguez verwendete sie beschriftete Karteikarten, die mit einem Beamer an die Rückwand projiziert wurden, um den Stand ihres Vortrags und ihrer Erzählung anzukündigen. Nachdem sie eine Seite abgelesen hatte, warf sie wie der Performer in Ivana Müllers „How Heavy Are My Thoughts“ ihre Vortragsblätter scheinbar achtlos auf den Boden.
Die Abwesenheit einer konventionellen Theatersituation ist für Husemann zunächst ein Zeichen für das gesteigerte Interesse der Künstler an der selbstreflexiven Hinterfragung des eigenen Genres, um dessen Produktions- und Rezeptionsformen von innen heraus zu verändern. Um sich und ihre Kunst nicht dem wohlfeilen Spektakel zu unterwerfen, machen sie ihren eigenen Arbeitsprozeß zum Thema. Anstelle eines fertigen Produkts lassen sie uns in Form von Erzählungen an dessen Entstehung Teil haben. Die Lecture Performance stellt daher ein Format bereit, in dem Arbeitsprozesse sprachlich gefasst werden können. Als sprachliche und in der Regel nur ansatzweise szenisch dargestellte, appellieren die kleinen Geschichten an das Vorstellungsvermögen des Zuschauers. Das Theater spielt sich im eigenen Kopf ab, es verlangt nach einer gesteigerten Eigenleistung des Rezipienten, der daher zum integralen Bestandteil der Aufführung wird. Forschung und Experiment werden als Teil der Theaterarbeit ausgewiesen.
Das alles ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen, und wirft doch die Frage auf, was unter dem Deckmantel des wissenschaftlichen Vortrags denn verhandelt wird, das die Form rechtfertigt. Stellt Xavier Le Roy in seinem Dauerbrenner „Product of Circumstances“, das noch einmal am 27. und 28. August im Rahmen der 5. Internationalen Sommerakademie im Frankfurter Mousoturm zu sehen sein wird, die Frage nach den Marktmechanismen in Wissenschaft und dem scheinbar ach so freien Tanz, geht es Ivana Müller in ihrem Stück um nichts weiter als um ein ironisch leichtes Verwirrspiel der Identitäten. Sie leistet einen humorvollen Beitrag zu unserer Wissensgesellschaft mit ihrer inflationären Zirkulation von Daten, die immer mehr auf ein Nichtwissen hinauslaufen. Bei Müller wird die Form selbst schon wieder Theater, während sie bei Le Roy ihre Störkraft behält.
Gerald Siegmund in der FAZ