"Maybe theory is biography, presenting it is a lecture, and doing a lecture is performing.
Thank you for your attention. I'd be glad to answer any questions you might have."
(Xavier Le Roy)
Lecture performances have become a popular artistic format in recent years. Even though formally quite limited they offer unique and complex possibilites and challenges: Lecture as performance, reflection as self reflection, content as form, language as action. This blog accompanies the series of lecture performances, organized by Unfriendly Takeover in Frankfurt. Please feel free to post comments, critique, essays, bibliographies or just short remarks around the genre of lecture performances. As an continuing, ever changing definition in progress.

P.S.: Kontaminiert. Gedanken zur Aufführung einer Nachschrift

Entscheidet man sich dazu, die lecture-performance Kontaminiert von Petra Sabisch (P.S.) als szenisches Postskriptum zur lecture-performance Product of Circumstances (1999) von Xavier Le Roy zu lesen, muss man mit letzterer beginnen. Darin berichtet Le Roy, der ehemals Molekularbiologie studierte und seine Doktorarbeit über die „Expression von Onkogenen und hormoneller Regulierung bei Brustkrebs unter Einsatz quantitativer in-situ-Hybridisierung” verfasste, von der eigenen professionellen Umorientierung von der Molekularbiologie zum Tanz. Hierzu erläutert er zunächst anhand von Dias und mit wissenschaftlich trockenem Gestus die von ihm erforschte Methode der in-situ-Hybridisierung zur Sichtbarmachung von Onkogenen bei Brustkrebs. Ausgehend von diesem Kapitel seiner Lebensgeschichte schildert er im folgenden die aufkommenden Zweifel an der von der Wissenschaft beanspruchten Objektivität, von seinem zunehmenden Interesse an Tanz und Yoga, von der Beendigung der wissenschaftlichen Karriere zugunsten des Tanzes, seinen Problemen als Quereinsteiger in der Tanzszene und seiner daraus resultierenden Entscheidung, alleine zu arbeiten, um den eigenen „Körper auseinander zu nehmen und wieder zusammenzusetzen” . Während seines Vortrags schiebt er wiederholt Gesten und Aktionen in den Textfluss ein. Zunächst macht er die typischen Bewegungen eines Referenten, der mit Zuhörern, Skript, Zeigestock und Diaprojektion beschäftigt ist. Dann verlässt er sein Rednerpult, um Bewegungsphrasen, tanztechnische Übungen und Choreographiefragmente als Anschauungsmaterial vorzuführen. Während er so seine persönliche Geschichte erzählt und veranschaulicht, verwischt Le Roy verschiedene Zeitebenen sowie Erzählzeit und erzählte Zeit. Sein Vortrag ist zwar chronologisch strukturiert (von 1987 bis zum jeweiligen Aufführungsdatum von Product of Circumstances), aber die Bewegungs- und Choreographiefragmente passen nicht immer in den unmittelbaren Kontext der Erzählung. In die Erläuterung zur Methode der in-situ-Hybridisierung, schiebt er beispielsweise ohne Ankündigung bzw. Rückblick Auszüge aus den im Jahre 1994 und 1997 entstandenen Choreographien Things I hate to admit und Burke ein. Es bleibt also dem Zuschauer überlassen, den Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Zeitebenen, zwischen Vortrag und Performance sowie zwischen Wissenschaft und Tanz herzustellen. Schließlich beendet Le Roy seinen Vortrag mit einer Kritik am Produktstatus des Tanzes, und einer resümierenden Schlussbemerkung, in der er die Prämissen seiner choreographischen Arbeit formuliert:

Diese Performance ging um einen kontaminierten Körper und seine Verflochtenheit auf historischer, gesellschaftlicher, kultureller und biologischer Ebene, einen Körper, der innen und außen oder außen und innen ist, der Ort und Zeit einer Brücke zwischen unterschiedlichen Gedanken ist, einen Körper, der unfähig ist, sich in Abstraktion und Theorie zu verwandeln. Und vielleicht ist Theorie Biographie, sie darzulegen ein Vortrag und einen Vortrag zu halten, eine Aufführung.

Die lecture ist also die performance und handelt vom vielfach determinierten Körper, dem Produkt der Umstände. Dieser Körper ist zwar in der Person Le Roys real auf der Bühne anwesend, gerät aber im Laufe des Vortrags zunehmend aus dem Blick, da er sich quasi in „viele Teil-Leiber” aufspaltet. Statt des individuellen Körpers, rückt zunächst die Biographie der Privatperson und damit die Geschichte über die Krebsforschung am fremden Körper und die Geschichte des eigenen Körpers und der eigenen Arbeit in den Vordergrund. Die Biographie wird dann wiederum von den Gedanken über den kontaminierten Körper in Wissenschaft und Tanz verdrängt. Mit der Schlussbemerkung führt Le Roy alle Stränge der lecture-performance wieder zusammen. Der Körper ist in diesem Komplex aus Aktion, Narration und Reflexion das Bindeglied, das lecture und performance, Narration und Biographie, Körpergeschichte und –theorie miteinander verknüpft.

Petra Sabisch hat sich für Kontaminiert auf formaler, inhaltlicher und konzeptueller Ebene von Xavier Le Roy anstecken lassen. Ihre lecture-performance ist Dank und Hommage an Xavier Le Roys in Theaterkreisen mittlerweile zum Klassiker und zum Vorbild für eine ganze Reihe von jungen Regisseuren und Choreographen avancierten Stück. Zugleich ist Kontaminiert aber mehr als ein nachgeschobener Kommentar zu Product of Circumstances. Es ist eine raffinierte Aneignung, die zwar ohne die Kenntnis des Originals als eigenständige Aufführung eines Vortragsskriptes funktioniert, jedoch durch das Wissen um Le Roys Arbeiten und die Übertragung eines Aufführungsformates von einer Person zur anderen sowie insbesondere vom männlichen zum weiblichen Körper enorm bereichert wird. Ausgehend von dem im Titel vorangestellten Konzept der Kontamination (entlehnt aus Biomedizin und Informatik) berichtet Sabisch von einer zunächst nicht weiter benannten, im Jahr 2000 in Hamburg gesehenen Aufführung, von welcher sie sich für ihre eigene Arbeit inspirieren ließ. Dazu rekonstruiert sie anhand von Dias zunächst die damalige Aufführungssituation dieser lecture-performance, um mögliche (und natürlich rational betrachtet unmögliche) Wege der Ansteckung durch die vom Vortragenden zur Zuhörerin diffundierenden Partikel zu veranschaulichen. Nicht zufällig haben diese Visualisierungsversuche eine verblüffende Ähnlichkeit mit den von Le Roy in Product of Circumstances präsentierten Zellstrukturen unter dem Mikroskop. Vom Format her ähnlich hybride zwischen autobiographischer Erzählung, Vortrag und Aufführung angelegt, schildert Sabisch dann ihre professionelle Umorientierung von der Literaturwissenschaft zur Performance, wobei sie die unterschiedlichen Kapitel ihrer erzählten Lebensgeschichte mit den dazugehörigen Projektionen und Aktionen belegt. Sie erwähnt ihre 1998 eingereichte Magisterarbeit über “Die Textur der Stimme(n). Eine Lektüre der Medea Christa Wolfs “, deren Deckblatt sie (auch damit Le Roy zitierend) als Dia einblendet und die gegen Ende des Studiums wachsende Unzufriedenheit mit den Möglichkeiten der geschriebenen Sprache, textuelle und körperliche Materialität auszudrücken. Es folgt die daraus resultierende Suche nach einem Ansatz zur Integration des Körpers in die Wissensproduktion, was sie schließlich von Hamburg nach Paris führt, wo sie sich dem Tanz und der Performancearbeit (u.a. mit Antonia Baehr, Jérôme Bel, Susanne Berggren, Nadia Lauro, Superamas und in Eigenregie unter dem Label Veranda Productions) widmet. Wie Le Roy demonstriert auch Sabisch kurze Fragmente aus ihren eigenen Arbeiten Laboratoire du Desœuvrement, Cartographics und Programm, sowie szenische Zitate aus Kollaborationen mit anderen Choreographen, von denen sie unter anderem als akademische Quereinsteigerin mit eigentümlicher Präsenz engagiert worden war, dann jedoch aufgrund eben dieser Eigenheiten Probleme bekam bzw. schlicht gefeuert wurde. An diese szenischen Selbst- und Fremdzitate schließen sich Zitate von Zitaten an, womit Sabisch sich zunehmend der eigentlichen Kontaminationsquelle annähert. Sie zitiert Szenen aus Product of Circumstances, die schon in Le Roys Aufführung als dessen eigene Selbstzitate aus dem früheren Stück Things I Hate to Admit auftauchen. Dank ihrer schlanken Unterarme kann Sabisch Le Roys Armkreisen ohne weiteres imitieren, dennoch drängt sich mit dem Wissen um den Titel seines Stückes der Gedanke auf, dass die Herausforderung für sie weniger darin besteht, unproportional lange Arme zur Schau zu stellen, als vielmehr darin, das kurz zuvor thematisierte Scheitern in der Zusammenarbeit mit anderen Choreographen zuzugeben. Als sie im Anschluss daran die Bewegungen aus einer bereits gezeigten Szene aus dem eigenen Laboratoire du Desœuvrement mit den kurz zuvor zitierten Armbewegungen aus Le Roys Things I Hate to Admit kombiniert, entsteht zwischen dem auf der Bühne anwesenden Körper Petra Sabischs und dem des real abwesenden, aber auf der Ebene des Vortrags als Leerstelle markierten und daher umso präsenteren Körper Xavier Le Roys eine Art vorübergehende Verwachsung. Dieser Bewegungszwitter Sabisch-Le Roy erinnert wiederum stark an das am Rumpf zusammengewachsene, zweigeschlechtliche, vierbeinige Zwitterwesen aus dessen Stück Self Unfinished (1998). Kontaminiert zitiert also nicht nur Themen und Szenen aus Product of Circumstances, es evoziert auch Körperbilder aus anderen Stücken Le Roys und thematisiert darüber hinaus von ihm bekannte Körperkonzepte wie die Transformation und Extension. Hinzu kommt dann neben der körperlichen Kontamination noch eine Ansteckung auf textueller Ebene. Als Sabisch das kleingedruckte, mehrseitige DIN A4 Skript eines von ihr verfassten Artikels über eben jenes für sie so bedeutende Product of Circumstances auf die Leinwand projiziert, dazu Le Roys Inszenierungsanweisung zur Aufführung desselben aus einer Printversion des Skriptes als Dia einblendet und gleichzeitig vorliest, bleibt es den Zuschauern mit ihrem jeweiligen Informationsstand überlassen, die mannigfaltigen Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Texten und Szenen herzustellen. Schließlich schließt Sabisch ihr Kontaminiert gänzlich mit Product of Circumstances kurz, indem sie Le Roys Schlussbemerkung für den eigenen Ansatz übernimmt:

„‚Um zu enden, möchte ich vorschlagen, dass diese Performance von einem kontaminierten Körper in seinen Verflechtungen auf der historischen, sozialen, kulturellen und biologischen Ebene handelte, welcher den Ort und die Zeit für einen Weg differenter Gedanken darstellt, die unfähig sind, sich selbst in Abstraktion und Theorie zu transformieren.’ Kontamination ist dann vielleicht das Moment einer im/materiellen Umkehrbarkeit, der Versuch sie zu präsentieren heißt, über Biographie sprechen, über Biographie sprechen, heißt eine Lecture kopieren und eine Lecture kopieren heißt, eine Performance zu machen.“

Sabischs Lebensgeschichte endet mit einem Bericht über den kürzlich unternommenen Versuch, ihre Praxiserfahrungen wieder in die wissenschaftliche Forschung zu übertragen. Auf der Suche nach einem Rahmen für ihr Projekt von einer kritischen Körperpraxis zwischen Wissenschaft und Kunst war sie bei der Beantragung eines Promotionsstipendiums auf taube Ohren bei akademischen Vertretern und potenziellen Geldgebern gestoßen. Gerade um sich bei diesen Repräsentanten der Institution Gehör zu verschaffen, müsste ihr Vorhaben, in praxisnaher Form über die Materialität des Körpers in Theorie und Praxis zu schreiben, umso dringlicher im klassischen Universitätsbetrieb und auf konventionellen Theaterbühnen präsentiert werden – am besten zusammen mit Xavier Le Roys Kontaminationsquelle in einem Dialog artikulierter Körper, die die Sprache des Fleisches sprechen. Sabisch lässt den Ausgang der Geschichte und damit auch die Frage nach dem Ausweg aus dem persönlichen Dilemma der Gratwanderung offen, indem sie zwei mögliche Enden und dann noch ganz à la Le Roy das Gespräch im Anschluss an die Vorstellung anbietet.

PH