"Maybe theory is biography, presenting it is a lecture, and doing a lecture is performing.
Thank you for your attention. I'd be glad to answer any questions you might have."
(Xavier Le Roy)
Lecture performances have become a popular artistic format in recent years. Even though formally quite limited they offer unique and complex possibilites and challenges: Lecture as performance, reflection as self reflection, content as form, language as action. This blog accompanies the series of lecture performances, organized by Unfriendly Takeover in Frankfurt. Please feel free to post comments, critique, essays, bibliographies or just short remarks around the genre of lecture performances. As an continuing, ever changing definition in progress.

Ich in Verkleidung

(Zur Ausstellung "Text in disguise" von Adrian Williams
in der Galerie Parisa Kind, Frankfurt, Mai 2005)

Soll ich von mir reden Ich wer
Von wem ist die Rede wenn
von mir die Rede geht Ich Wer ist das
- Heiner Müller

Manchmal funktioniert es auch andersrum.
Es war vor einigen Jahren bei einem Gastspiel in Ludwigshafen. Will Quadflieg spielt den Lear. Ziemlich bald schon ist nicht mehr zu übersehen, dass der berühmte alte Schauspieler nicht mehr Herr über sein Reich und seinen Text ist. Und so sitzen Lear und Gloster einander auf auf dem Boden gegenüber, verlassen auf der großen, jetzt riesigen Bühne. Zwei Menschen mit einem tragischen, berühmten Schicksaal. Vergebens versuchen sie, ein Gespräch anzufangen, doch dort, wo sie jetzt sind, gibt es keine Sätze mehr.
Der König, der nicht aufhören kann zu regieren, der Schauspieler, der nicht aufhören kann zu spielen, trotzig und verwirrt, ein alter Mann sitzt auf der Bühne, im Leben und weiß nicht mehr weiter...
Plötzlich, in die angestrengte, zutiefst unangenehme Stille hinein, deutlich hörbar die Stimme der Souffleuse, erst leise, dann immer lauter: „Die Schuhe!“
Da erinnert sich der alte Freund des Königs, da erinnert sich auch Lear, und Gloster zieht seinem Herrscher traurig und behutsam die Schuhe wieder an, und sie machen sich auf den weiteren, schweren Weg.
Die Rolle hat den Schauspieler gefressen, spuckt ihn aus, wie eine Cartoon-Katze den Knochen eines verschlungenen Vogels. Und sagt: Ich. Und meint damit nicht mehr den Lear sondern den Quadflieg.

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Adrian Williams zieht sich ein Kostüm an, guckt vorlaut aus dem Mund des Einhorns wie andere Cartoon-Vögel aus den Mündern anderer Cartoon-Katzen und sagt: Ich. Ich bin ein Einhorn. Dabei ist dieses Einhorn keine Rolle des mimetischen „Als ob“. Adrian verstellt nicht die Stimme, sie versteckt sich nicht im Kostüm, sie hat es übergestülpt und steuert es. Es ist ihr Text. „Ich“ ist das erste Wort. „Ich bin ein Einhorn“. Wer ist dieses Ich?
Wenn Adrian im Einhornkostüm ans Pult tritt und als Einhorn über das Verhältnis von Einhörnern zu den Menschen spricht, spricht sie eigentlich über das Verhältnis des Menschen zur Kunst. Und über das Verhältnis der Gesellschaft zu den Künstlern. Also auch zu sich. Und dann ist wieder alles ganz nah. Text in Verkleidung. „Ich“ in Verkleidung.

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Die Rolle des „Ich“ ist im Format der Lecture Performance schwer zu fassen. Anders als im Dramen-Theater wird sich keine mehr oder minder fremde Figur anverwandelt. Anders als in der (etwas naiven Konzeption) der Performance Art wird aber auch nicht „keine Rolle“ gespielt. Das „Ich“ der Lecture Performance ist eine Rolle. Die eigene Rolle. Oder das Spiel mit der Vermutung der eigenen Rolle.
Im Spiel mit der eigenen Geschichte (oder mit einer fremden als eigene) ermöglicht die Lecture Performance ein Spiel der Selbstreflexion: „And maybe theory is biography, performing is a lecture and doing the lecture is performing“ ist der letzte Satz der Lecture Performance „Product of Circumstances“ von Xavier Le Roy.
Le Roys Arbeit ist sehr nach an der eigenen Biographie, er erzählt von seiner Entwicklung vom promovierten Molekularbiologen zum Tänzer und schließlich zum einflussreichen Choreographen. Le Roy trägt kein Einhornkostüm – aber er trägt sehr wohl immer die gleiche Kleidung für diese Performance, die so zur Xavier-Le-Roy-Verkleidung wird.

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Adrian Williams Kostüme kommen aus einem Kinderzimmer-Kosmos. Eichhörnchen, Einhörner, kopflose Ritter ... Irgendwann sagen Kinder zum ersten Mal ich. Ich. Ich, ich, ich. Sie erkennen sich zum ersten Mal bewusst selbst als Person im Spiegel, nehmen sich als getrennt von der Mutter wahr, sehen sich gedoppelt, entdecken sich erstmals als Ganzes. Und dennoch ist diese Erfahrung die Erfahrung eines Mangels. „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion“ (Lacan) macht ihnen, die sie motorisch ohnmächtig und völlig abhängig von der Mutter sind, deutlich, dass sie das äußere Bild (das „Andere“) nicht mit dem eigenen inneren in Einklang bringen können. Die ganze Tragödie des Menschseins im Schnelldurchlauf.
Erst mit dem Eintritt in die symbolische Ordnung der Sprache kommt es zumindest zu einer behelfsmäßigen Vermittlung. Die Sprache hilft dem Menschen bei der Überwindung der „Nichtübereinstimmung mit der eigenen Realität“ und ermöglicht eine imaginäre Ganzheit. Ich, sagt das Kind. Ich. Ich, ich, ich.

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„Man made me“ – Menschen haben mich gemacht – heißt die Einhorn-Lecture von Adrian. Und noch in der ersten Minute sagt sie: „I have always been here.“ Kunst ist nicht nur die Reflexion des Lebens, heißt es später, sie ist der einzige Beweis der Existenz. Das Spiegelbild einer imaginäre Existenz.

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Xavier hat den Text seiner autobiografischen Lecture Performance freigegeben. Jeder kann sie nachspielen, sein „Ich“ als Rolle einnehmen. Der schwedische Performer Mårten Spångberg macht sich in „Extra Clear Power“ gar nicht erst die Mühe, zwischen eigenem und fremden zu unterscheiden, zwischen dem Ich und dem Anderen. Sein Text ist der von George Clooney in „Oceans Eleven“. Oder der von Xavier Le Roy. Oder Kelvin Spacey als College-Professor. „Wen kümmert’s, wer spricht?“, sagt Foucault. Weg mit den „so lange wiedergekäute Fragen“: „Wer hat eigentlich gesprochen? Ist das auch er und kein anderer? Mit welcher Authentizität oder welcher Originalität? Und was hat er vom Tiefsten seiner selbst in seiner Rede ausgedrückt?“

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„Theater ist eine Illusionsmaschine, die nie die Wahrheit sagt. Eine Lecture zu halten bedeutet einen Apparat des Wissens zu erzeugen, der nie lügen sollte. Hält man eine Lecture im Theater, muss es folglich eine Bauchlandung geben. Oder eine Wahrheit, die als Lüge erzählt wird. Die Gewinnerin ist die Logik.“

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Kauft man sich Adrians Performance „Happy Birthday“, so kauft man sich eine leidenschaftliche Laudatio auf sich selbst – „to the most significant figure in art history“. Man mag sein Leben lang noch nie mit Kunst oder Künstlern in Berührung gekommen sein, egal: „I will tell you things you never knew about yourself, noble, honorable, amazing and spectacular things, believable things, realistic things, things your friends will find indecipherably possible“. Fast überlesbar steht in der Ankündigung, dass Adrian in die tatsächliche Biographie des Geburtstagskindes „einige eigene Details“ einflechten wird. Nicht „erfundene“. Sondern „eigene“. Das Ich in der Verkleidung des Du. „To explore oneself as other“, sagt der Performer Spalding Gray.

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Die tatsächlichen letzten Sätze von Xaviers „Product of Circumstances“ sind übrigens: „Thank you for your attention. I'd be glad to answer any questions you might have.“

(fm)