Navigation |
Ich in Verkleidung(Zur Ausstellung "Text in disguise" von Adrian Williams Soll ich von mir reden Ich wer Manchmal funktioniert es auch andersrum. * * * * * Adrian Williams zieht sich ein Kostüm an, guckt vorlaut aus dem Mund des Einhorns wie andere Cartoon-Vögel aus den Mündern anderer Cartoon-Katzen und sagt: Ich. Ich bin ein Einhorn. Dabei ist dieses Einhorn keine Rolle des mimetischen „Als ob“. Adrian verstellt nicht die Stimme, sie versteckt sich nicht im Kostüm, sie hat es übergestülpt und steuert es. Es ist ihr Text. „Ich“ ist das erste Wort. „Ich bin ein Einhorn“. Wer ist dieses Ich? * * * * * Die Rolle des „Ich“ ist im Format der Lecture Performance schwer zu fassen. Anders als im Dramen-Theater wird sich keine mehr oder minder fremde Figur anverwandelt. Anders als in der (etwas naiven Konzeption) der Performance Art wird aber auch nicht „keine Rolle“ gespielt. Das „Ich“ der Lecture Performance ist eine Rolle. Die eigene Rolle. Oder das Spiel mit der Vermutung der eigenen Rolle. * * * * * Adrian Williams Kostüme kommen aus einem Kinderzimmer-Kosmos. Eichhörnchen, Einhörner, kopflose Ritter ... Irgendwann sagen Kinder zum ersten Mal ich. Ich. Ich, ich, ich. Sie erkennen sich zum ersten Mal bewusst selbst als Person im Spiegel, nehmen sich als getrennt von der Mutter wahr, sehen sich gedoppelt, entdecken sich erstmals als Ganzes. Und dennoch ist diese Erfahrung die Erfahrung eines Mangels. „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion“ (Lacan) macht ihnen, die sie motorisch ohnmächtig und völlig abhängig von der Mutter sind, deutlich, dass sie das äußere Bild (das „Andere“) nicht mit dem eigenen inneren in Einklang bringen können. Die ganze Tragödie des Menschseins im Schnelldurchlauf. * * * * * „Man made me“ – Menschen haben mich gemacht – heißt die Einhorn-Lecture von Adrian. Und noch in der ersten Minute sagt sie: „I have always been here.“ Kunst ist nicht nur die Reflexion des Lebens, heißt es später, sie ist der einzige Beweis der Existenz. Das Spiegelbild einer imaginäre Existenz. * * * * * Xavier hat den Text seiner autobiografischen Lecture Performance freigegeben. Jeder kann sie nachspielen, sein „Ich“ als Rolle einnehmen. Der schwedische Performer Mårten Spångberg macht sich in „Extra Clear Power“ gar nicht erst die Mühe, zwischen eigenem und fremden zu unterscheiden, zwischen dem Ich und dem Anderen. Sein Text ist der von George Clooney in „Oceans Eleven“. Oder der von Xavier Le Roy. Oder Kelvin Spacey als College-Professor. „Wen kümmert’s, wer spricht?“, sagt Foucault. Weg mit den „so lange wiedergekäute Fragen“: „Wer hat eigentlich gesprochen? Ist das auch er und kein anderer? Mit welcher Authentizität oder welcher Originalität? Und was hat er vom Tiefsten seiner selbst in seiner Rede ausgedrückt?“ * * * * * „Theater ist eine Illusionsmaschine, die nie die Wahrheit sagt. Eine Lecture zu halten bedeutet einen Apparat des Wissens zu erzeugen, der nie lügen sollte. Hält man eine Lecture im Theater, muss es folglich eine Bauchlandung geben. Oder eine Wahrheit, die als Lüge erzählt wird. Die Gewinnerin ist die Logik.“ * * * * * Kauft man sich Adrians Performance „Happy Birthday“, so kauft man sich eine leidenschaftliche Laudatio auf sich selbst – „to the most significant figure in art history“. Man mag sein Leben lang noch nie mit Kunst oder Künstlern in Berührung gekommen sein, egal: „I will tell you things you never knew about yourself, noble, honorable, amazing and spectacular things, believable things, realistic things, things your friends will find indecipherably possible“. Fast überlesbar steht in der Ankündigung, dass Adrian in die tatsächliche Biographie des Geburtstagskindes „einige eigene Details“ einflechten wird. Nicht „erfundene“. Sondern „eigene“. Das Ich in der Verkleidung des Du. „To explore oneself as other“, sagt der Performer Spalding Gray. * * * * * Die tatsächlichen letzten Sätze von Xaviers „Product of Circumstances“ sind übrigens: „Thank you for your attention. I'd be glad to answer any questions you might have.“ (fm) By fm at 2005-05-27 16:13 | Adrian Williams: "Man Made Me" | login to post comments | previous forum topic
|