"Maybe theory is biography, presenting it is a lecture, and doing a lecture is performing.
Thank you for your attention. I'd be glad to answer any questions you might have."
(Xavier Le Roy)
Lecture performances have become a popular artistic format in recent years. Even though formally quite limited they offer unique and complex possibilites and challenges: Lecture as performance, reflection as self reflection, content as form, language as action. This blog accompanies the series of lecture performances, organized by Unfriendly Takeover in Frankfurt. Please feel free to post comments, critique, essays, bibliographies or just short remarks around the genre of lecture performances. As an continuing, ever changing definition in progress.

Zeigen und Sagen

Daß in wissenschaftlichen Vorträgen nicht nur Wissen reproduziert, sondern auch während des Redens selbst produziert wird, gehört zu den Hoffnungen, die jeder Student oder jeder normale Zuhörer insgeheim hegen mag, wenn er einem Vortrag lauscht. Welchen Sinn hätte sonst das Dabeisein, der Live-Charakter einer Vorlesung? Die Art und Weise wie gesprochen und damit gehandelt wird, sowie der körperliche Auftritt des Redners sind für den Erfolg des Vortrags ebenso ausschlaggebend wie der Inhalt. Sibylle Peters und Matthias Anton nehmen in ihrer kurzweiligen Lecture Performance „The Art of Demonstration“, die nun im AtelierFrankfurt in der „Performing Lectures“-Reihe von Unfriendly Takeover zu sehen und zu hören war, den Vortrag selbst zum Thema. Durch kleine Tricks verschieben sie die Form gegen den Inhalt, um so über das Vortragen während des Vortrags nachdenken zu können.
Der in neun rhetorische Figuren unterteilte Performance beginnt mit einem wahren Feuerwerk der Rede, indem Matthias Anton hinter dem Rednerpult eine Feuerfontäne in den Raum sprüht. Immer wieder suchen die beiden den Kontakt zum Publikum, lassen „Tafelbilder“, also die nach dem Ende des Vortrags zurückgebliebenen Spuren an der Wand, von Zuschauern deuten und fordern jemanden auf, während eines „freien Vortrags über einen freien Vortrag“ eine Mitschrift anzufertigen. Mit der Kamera aufgenommen, werden die Blätter an die Rückwand des Vortragssaals projiziert. Stimmen von toten Wissenschaftlern werden mit Hilfe fadenscheiniger Apparaturen eingefangen, um zu demonstrieren, daß sie auch im Jenseits anscheinend nichts lieber tun, als Reden zu halten.
Daß etwas sich als es selbst zeigt, mithin daß etwas aus dem Dunklen ans Licht tritt und evident wird, ist das Ideal des Vortrags. Ein kleiner solcher Moment der Evidenz ereignete sich kurioserweise just in einem Moment des Dunkelwerdens. Eine der sieben Wunderkerzen, die zur Erhellung ihrer Ausführungen über die Elektrizität und ihren Einsatz in sogenannten Experimentalvorträgen beitrugen, verlöschte. Sibylle Peters’ Rede riß genau in jenem Augenblick ab, in dem sie davon erzählte wie ein Stromstoß durch den ersten einer Reihe von Soldaten geschossen wurde, die sich alle an den Händen hielten.

Gerald Siegmund in der FAZ