"Maybe theory is biography, presenting it is a lecture, and doing a lecture is performing.
Thank you for your attention. I'd be glad to answer any questions you might have."
(Xavier Le Roy)
Lecture performances have become a popular artistic format in recent years. Even though formally quite limited they offer unique and complex possibilites and challenges: Lecture as performance, reflection as self reflection, content as form, language as action. This blog accompanies the series of lecture performances, organized by Unfriendly Takeover in Frankfurt. Please feel free to post comments, critique, essays, bibliographies or just short remarks around the genre of lecture performances. As an continuing, ever changing definition in progress.

Verweigerung

Im Idealfall ist eine Lecture Performance eine Kombination von beidem, von einem Vortrag und einer Aufführung, und das möglichst in der Weise, dass beide Genres sich gegenseitig bespiegeln, unterlaufen, provozieren und ein glitzerndes Drittes ergeben. An diesem Abend aber im atelierfrankfurt, wo allmonatlich - veranstaltet von der Kuratorengruppe unfriendly takeover - das Zwitterwesen Lecture Performance gepflegt wird, blinzelt man am Ende etwas ratlos an die weiße Wand, wo eben das letzte Dia verlöschte: War das nicht die bravste aller Vortragsformen, ein Lichtbildervortrag nämlich, begleitet von vom Manuskript abgelesenen Kommentaren?

Doch, das war es wahrhaftig, nur dass der Referent kein VHS-Hobbyredner war, sondern ein Hype der experimentellen Theaterszene: Stefan Kaegi, einer der eigenwilligsten, verschmitztesten und klügsten Regisseure, der, gleich ob er allein oder zusammen mit Helgard Haug und Daniel Wetzel unterm Label Rimini Protokoll arbeitet, eigentlich spezialisiert darauf ist, ein Format ironisch zu brechen. Stefan Kaegi aber denkt nicht daran, seinem Image zu entsprechen. Unbeirrt bleibt er bei seinem Thema, das da heißt "v.l.n.r. Gruppen von Gruppen", und ebenso unbeirrt bei der Darbietungsform eines dank der Kommentare halb gelehrten und dank der Art der Fotos halb skurrilen Dia-Vortrags.

Menschen im Büro und im Krieg

Kaegi hat sich aus dem Internet eine riesige Sammlung Gruppenfotos zusammengestellt, und ungefähr hundert zeigt er davon: Menschen im Büro, die sich vor der Kamera als Kollektiv präsentieren, Soldaten in einer Kampfpause, das Gewehr martialisch im Anschlag, Geschäftsleute am Konferenztisch, Straßenkehrer auf die Besen gestützt, Politiker nach Abschluss eines Vertrages.

Die Abfolge der Bilder ist untergliedert, und zwar bildet - bei einem Theatermann naheliegend - das Theater den metaphorischen Oberbegriff. Da ist etwa das Moment der Inszenierung, der Choreografie, des Requisits, der Rolle, der Körperhaltung, der Maske, der Bühne, der Hierarchie. Es ist stupend, um nicht zu sagen erschlagend, was sich alles aus diesen Gruppenbildern herauslesen lässt, zumal Kaegi auch philosophisch und semiologisch bewandert ist und gelehrte Zitate von Pierre Bourdieu oder Roland Barthes nicht verschmäht.

Was man schon wusste

Aber, so nagt es an der Zuschauerin bei etwa dem fünfzigsten Foto, erfährt man wirklich mehr, als das, was man schon ahnte - etwa, dass jedes Foto eine mehr oder weniger geglückte Inszenierung ist und ihm also Regeln und Wirkungsabsichten zugrunde liegen? Tatsächlich kommt Kaegi in seinen Erläuterungen oft nicht über elegante oder auch wolkige Feuilletonüberschriften hinaus. Und wenn er die Bilder als Text nachreicht, so bleibt für deren Lektüre kaum Zeit. Immer ist da schon das nächste Dia, der nächste Hinweis, und alle zusammen ergeben sie eher eine Zerstreuung als ein Konzentrat.

So ist der Ertrag der Lecture, was ihren Gegenstand Gruppenfoto betrifft, nicht sehr groß, und doch bleibt etwas hängen, was den Vortrag zu einem unverwechselbaren Kaegi-Vortrag macht. Es ist das Kaegis Haltung zu seinem Gegenstand, seine Sammelwut, seine Wachheit und seine Sympathie, ja fast sein Entzücken an allen diesen rührend-absurden Bemühungen der Leute, sich zuerst in einer Gruppe zum Verschwinden zu bringen, um hinterher das Foto zu zeigen und zu sagen: Schau, das bin ich.

Jutta Baier, Frankfurter Rundschau vom 18. August 2005