In weiße Strumpfhosen und orangefarbene Jacken gepackte Körper liegen auf dem Boden wie leuchtende Fremdkörper in einer spröden steinigen Urlandschaft. Verbogen und verdreht scheinen sie auf den Dias, die auf die linke Wand des Raumes geworfen werden, jeglicher Anatomie zu trotzen. An der Rückwand des Raumes tummeln sich in einer weiteren Projektion Fischschwärme und andere archaisch anmutende Unterwasserwesen. Eine Stimme vom Band erzählt die Schöpfungsgeschichte aus der griechischen Mythologie, von Gaia und Uranos, dessen Sohn Kronos ihm einst das Geschlecht abschlug, woraufhin es ins Meer fiel. Aus dem Schaum des Samens stieg Aphrodite, die Göttin der Liebe, hervor, die, obwohl aus der Gewalt geboren, nach Schönheit und Perfektion trachtet. Aus ihrer Vereinigung mit Hermes, dem Überbringer göttlicher Botschaften, geht schließlich der androgyne Hermaphrodit hervor, die perfekte Verschmelzung von Mann und Frau.
„Directory 2 - Songs of Love and War“, Gesänge über Liebe und Krieg, nennen Kattrin Deufert und Thomas Plischke ihr neues Stück, das vor kurzem im Leipzig uraufgeführt wurde und nun leicht verändert in der „Performing Lectures“-Reihe der freien Kuratorengruppe Unfriendly Takeover im AtelierFrankfurt zu sehen war. Wie schon „Directory 1“ und eigentlich all ihre Arbeiten der jüngsten Zeit ist es ein weiterer Ausschnitt aus ihrem Leben, das sie in regelmäßigen Abschnitten zu Stücken verdichten, um sich damit der Öffentlichkeit zuzuwenden. Plischke und Deuferts Projekt basiert auf einer gemeinsamen Lebens- und Kunstpraxis, die das Leben zur Kunst stilisiert und die Kunst ganz entschieden wie einst die Avantgarden als Lebenszusammenhang begreift.
Frei nach Rosemarie Trockel, die das Stricken als Metapher für die unendliche Bewegung des Lebens versteht, stricken sich die beiden mit jedem ihrer Performances einen zweiten utopischen Kunstkörper, der von der Hoffnung getragen wird, alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern und den Biographien mögen darin aufgehen und verschmelzen. In ihrem hochverdichteten Text werden Spuren gelegt und gleichzeitig wieder verwischt. Denn wem das jeweilige biographische Detail zuzuordnen ist, läßt sich für den uneingeweihten Zuhörer nicht ausmachen. Sie sprechen in der Tat mit einer Stimme, die hier Gillian Carson gehört, die den wunderschön abstrahierten und poetischen Text mit starkem schottischen Zungenschlag spricht, was ihm eine bizarre Rauheit und Bodenständigkeit verleiht.
Aus zwei Leben nahtlos eines zu machen: natürlich geht das nicht. Wie bei den Zwillingen auf dem Foto von Diane Arbus, das auf dem Armaturenbrett eines fahrenden Autos liegend dem Betrachter aus dem Bild ins Auge springt, macht sich in der vermeintlichen Gleichheit die Differenz umso stärker bemerkbar. Schließlich trägt, wie es einmal im Text heißt, jeder Körper seine eigenen Geschichten, weshalb sich auch jeder Körper anders bewegt. Hier berühren Plischke und Deuferts Überlegungen den Tanz und dessen Voraussetzungen. Ein Skelett aus einer anatomischen Sammlung erscheint im Bild. Jeder Knochen ist zwar korrekt beschriftet, doch die Bewegung der Knochen geht niemals in der sprachlichen Benennung auf. So schieben sich die beiden zwischen den Stuhlreihen der Zuschauer hindurch, stehen Kopf oder zwängen sich in eine Ecke des Raumes, um zu verschwinden. Ganz in sich gekehrt führen sie simultan kleinste Bewegungen aus, die eben nicht von der Gleichheit, sondern von der Differenz und damit von der Offenheit getragen werden.