"Maybe theory is biography, presenting it is a lecture, and doing a lecture is performing.
Thank you for your attention. I'd be glad to answer any questions you might have."
(Xavier Le Roy)
Lecture performances have become a popular artistic format in recent years. Even though formally quite limited they offer unique and complex possibilites and challenges: Lecture as performance, reflection as self reflection, content as form, language as action. This blog accompanies the series of lecture performances, organized by Unfriendly Takeover in Frankfurt. Please feel free to post comments, critique, essays, bibliographies or just short remarks around the genre of lecture performances. As an continuing, ever changing definition in progress.

freundlich winken

Freundlich die Zukunft winken

Seit den Benetton-Werbekampagnen mit dem Titel "United Colors" gibt es ein neues Genre der Gruppenfotografie. Im Internet könnte das Sujet heißen: "Ein Weißer mit vielen Bunten". Der Weiße ist dann meist der Lehrer oder Entwicklungshelfer. Er steht in der Mitte, außen herum seine Schäfchen. Aber auch das Muster "Ein Schwarzer und viele Weiße" hat Stefan Kaegi gefunden. Meistens steht der Schwarze dann am Rand oder hinten. Manchmal gibt es andere Randgruppen: "Hier sind die Kinder die Schwarzen", sagt Kaegi. Das paßt nicht so recht. Denn das Theoriemotörchen, mit dem Kaegi seine Fundstücke aus der Bildersuchmaschine zu einer Lecture Performance unter dem Titel "Gruppen von Gruppen" antreibt, knattert manchmal und hat Aussetzer. Wie die behende Umwandlung der Kinder in "Schwarze" ist manche Kategorie ein wenig grob, manche These etwas zu lau geraten, um wirklich zu tragen. Anregungen zum freien Gedankenspiel allerdings liefert Kaegis kommentierte Reise durch die Gruppenfotos im World Wide Web zur Genüge. Auch Gelegenheit zum Lachen zwischen Erkenntnis und Interesse: vielleicht auch das ein Merkmal jener hybriden Kunstgattung lecture performance, deren Wesen Unfriendly Takeover ergründet. Das Echte, so eine Grundthese der Theater-Arbeiten von Kaegi, birgt genug Theatralisches. Vermischt mit Fiktivem, überhöht, auf die Bühne gestellt, lösen die Produktionen, die er zum Beispiel mit "Rimini Protokoll" realisisiert, beim Zuschauer oft ganz verblüffende Assoziationsketten und Verständnismomente aus. Außerdem machen sie Spaß. Diesmal hat Kaegi nur hundert Internetfotos mitgebracht, australische Nudisten, asiatische Ärzte, deutsche Soldaten, Medizinerkongresse. Er macht sich, ausgehend auch von der eigenen Haltung solchen Bildern gegenüber, laut Gedanken darüber, was Menschengruppen dazu bewegt, zu lächeln, der Kamera zuzuwinken und das Ergebnis, mag es ästhetisch auch noch so dürftig sein, ins Netz zu stellen. Es sind interessante Beobachtungen dabei, wie jene, daß es stets das Abweichende ist, das den Blick des Betrachters auf sich zieht: Auch in der Masse gibt es also Individualität. Bedauerlicherweise sind aber gerade die Thesen, bei denen Kaegi seinem Genre, dem Theater, ganz nahe kommt, am wenigsten überzeugend, etwa der Versuch, die Minimaldefinition von Theater - vorne steht einer, viele andere schauen zu - auf die Fotos zu übertragen. Um so anregender jedoch ist Kaegis Fazit, das eine These Bourdieus quasi weiterführt, die Kaegi am Anfang zitierte. Hatte dieser behauptet, die Familie brauche die Fotografie, um ihre Einheit zu gewährleisten und zu bestätigen, winken laut Kaegi die Menschen auf den Gruppenfotos sich selbst. Sie blicken nicht dem Betrachter entgegen, der ihr Bildnis im Internet findet. Sondern sie fixieren die Linse, in der Hoffnung auf das, was dahinter liegt: ihre Zukunft. eva-maria magel