Vortragsskript [ohne Fussnoten] von Sibylle Peters
0.
Der folgende Vortrag überdreht in zweierlei Hinsicht: Zum einen handelt es sich um einen Vortrag über Vorträge; zum anderen ist er in gewisser Weise das Spin off Produkt eines anderen Vortrags, an dem ich derzeit arbeite. Der heutige Vortrag wäre also gewissermaßen die B-Seite eines szenischen Vortrags mit dem Titel „The Art of Demonstration“, die im Sommer 2005 im Programm Theater und Wissenschaft der Hamburger Kampnagel-Fabrik erstmals gezeigt wird. In The Art of Demonstration geht es darum, die Figuren und Elemente, die den wissenschaftlichen Vortrag als wissenspoietisches Szenario ausmachen, im Sinne szenischer Techniken aufzufassen und einzusetzen. Doch es soll im Folgenden nicht darum gehen, die Inhalte und Methoden dieser Lecture-Performance ausführlich zu referieren. Eine B-Seite hat ihr eigenes Recht und kann darin bekanntlich zuweilen interessanter sein als die A-Seite selbst.
I.
Als ich vor ein paar Jahren auf der Suche nach dem nächsten Forschungsfeld jenseits der Dissertation auf die Lecture-Performance kam, gab es noch nicht so viele davon wie heute. Die Exposés zum Forschungsvorhaben waren daher zunächst wenig erfolgreich: Zu klein die Materialbasis, zu heterogen die Beispiele (John Cage, Dan Graham, Nana Petzet, Annie Sprinkle), keine ausreichende historische Dimensionierung. Mein Untersuchungsgegenstand drohte auf seltsame Weise zu verschwinden, sobald die Fachöffentlichkeit einen Blick darauf warf. Und meine Reaktion auf dieses Problem – „wenn es zu wenig Lecture-Performances gibt, dann mache ich eben mehr davon“ – machte die Sache nicht besser. Denn aus der Perspektive historischer Wissenschaft kommt diese Attitude dem Vorhaben gleich, die zu untersuchenden Quellen zunächst selbst zu produzieren – kein sehr seriöses Vorgehen, wenn auch vielleicht ein interessantes methodisches Problem.
Statt also mithilfe der Lecture-Performance zügig ins freie Grenzland der Diskurse zu entkommen, galt es zunächst, sich wieder tiefer in den wissenschaftlichen Diskurs hinein zu arbeiten, bis in die Gefilde der Wissenschaftsgeschichte. Statt der Lecture-Performance wurde im Zuge dessen der wissenschaftliche Vortrag selbst zum Untersuchungsgegenstand, der wissenschaftliche Vortrag als Performance; und dies sollte mithilfe der Lecture-Performance geschehen, die damit versuchsweise vom Gegenstand zur Methode avancierte.
Es lässt sich zunächst begründen, den wissenschaftlichen Vortrag als ‚cultural performance’ betrachten zu wollen, indem man eine gewisse Verwandtschaft zu szenischen Formen hervorhebt. Zu verweisen ist dabei auf das von der Forschung derzeit vielbeachtete Anatomietheater, oder die Experimentalvorführungen der frühen Naturwissenschaften, oder die Star-Vortragenden des Deutschen Idealismus mit ihrem Kult um den sogenannten freien Vortrag, dann die Grenzbereiche des populär- bis parawissenschaftlichen Vortragswesens mit ihren expliziten Anleihen im Theatralen und so fort. Darüber hinaus kommt der performative Charakter des Vortrags im Sinne der Institution in den Blick: Prüfungs- und Bewerbungsvorträge, Inaugural- und Abschiedsvorlesungen, und nicht zuletzt das Institut der Venia Legendi.
Über eine zu kleine Materialbasis war also nicht mehr zu klagen, im Gegenteil, stattdessen wurde nun jedoch die ‚Methode’, die Lecture-Performance, zum Problem. Denn je mehr ich mich mit jener Performance beschäftigte, die der wissenschaftliche Vortrag immer schon ist, desto mehr schienen mir die Lecture-Performances, die ich in der Folgezeit zu sehen bekam, diese spezifische Performance zu verfehlen, ja, zuweilen zu verstellen, durchzustreichen. Überdrehung als methodisches Problem? Vielleicht. Doch zunächst wurde mir deutlich, dass diese Lecture-Performances – in den vergangenen Jahren wurden es mehr und mehr – eben keineswegs von vornherein Forschungsarbeiten zum Thema der (wissenschaftlichen) Lecture (als) Performance sind, sondern meist erst als solche gelesen werden müssen; dass auch ihre Konjunktur vielleicht gar nicht in erster Linie von einem Interesse an der Schnittstelle Kunst/Wissenschaft herrührt.
II.
In erster Linie ist die Lecture-Performance ein hybrides Format, das wie ein multipler Adapter unterschiedlichste künstlerische Formen miteinander verschalten kann. Sie hat daher eine wichtige Funktion im Prozess der Vernetzung der Künste, und zwar in erster Linie, indem sie die unterschiedlichen zeitlichen Organisationsformen künstlerischer Arbeiten ineinander übersetzbar macht. In diesem Sinne können Webauftritte oder Projekte mit Archivcharakter qua Lecture-Performance zum ‚Event‘ mutieren, so dass diverse Formate der bildenden Kunst problemlos auch im Rahmen eines Theaterfestivals präsentiert werden können, wie zum Beispiel die Arbeiten der Atlas Group . Umgekehrt können singulär-ereignishafte Kunstaktionen oder ortsspezifische Installationen mittels einer Lecture- Performance, die entsprechende Dokumente zeigt und erläutert, immer wieder zur Diskussion gestellt und in ganz neue Kontexte transferiert werden.
Als erste und prototypische Lecture-Performance dieser Art wäre vielleicht jener mittlerweile legendäre Videovortrag zu nennen, in dem Chris Burden seine transgressiven Performances der 70er Jahre noch einmal präsentiert. Als prototypisch kann dieser Videovortrag vor allem deshalb gelten, weil er vorgeführt, ja, man könnte sagen: gelehrt hat, dass die Lecture Möglichkeiten bietet, mangelhaftes Dokumentationsmaterial so zu präsentieren, dass gerade diese Mangelhaftigkeit produktiv wird: Gerade die Unzulänglichkeit der Dokumente, sei sie nun prinzipieller oder ganz kontingenter Art, fordert den reflektierenden Vortragskommentar heraus, der wiederum gerade die Mängel des Materials als Spuren von Performances, als Evidenzen, zur Erscheinung bringt. Die Lecture-Performance kann damit in besonderer Weise an die Spannung zwischen Aktualität und Aufzeichnung anschließen, auf die Live-Art immer schon spekuliert. Lecture-Performances, die diese Spannung aufnehmen und im Sinne einer Produktion von Evidenz entfalten, wären damit der erste Typ einer ‚provisorischen Poetologie der Lecture-Performance’, die ich im Folgenden entwerfen möchte.
Dieser erste Typ der Lecture-Performance ist mittlerweile zu einem zentralen Format für Gruppen geworden, die ihre Performances als Möglichkeiten politischer Intervention zur Diskussion stellen, zur Nachahmung empfehlen beziehungsweise (per se) auf der Suche nach den Mitwirkenden für eine nächste Aktion sind (Stichwort: Partizipation), wie zum Beispiel Monochrom oder Yomango oder auch die Geheimagentur. In solchen Kontexten ist die Lecture-Performance oft eine Art Performance zwischen den Performances. Sie ist ein Recycling-System, erlaubt die Verschaltung aller anderen Formate in einen Live-Act, ist flexibel einsetzbar, schnell zu produzieren, in hohem Maße anschlussfähig. Wo diese Eigenschaften im Vordergrund stehen, wird die Lecture-Performance in gewisser Weise auch zur unmittelbar in eine Performance verwandelten Bewerbungsmappe, sie ist dann die Ergebnispräsentation ebenso wie das Aktion gewordene Konzept, und erweist sich also auch in dieser Hinsicht als Transformator im Hinblick auf die Zeitstrukturen einer künstlerischen Produktion, die mittlerweile in jedem Stadium präsentabel zu sein hat.
Dieser Typ der Lecture-Performance als Präsentation von work-in-progress ist von einer spezifischen Ambivalenz geprägt: In dem szenischen Vortrag Product of Circumstances von 1998 berichtet der Biologe und Tänzer Xavier Le Roy, wie die biologischen Forschungen, die er im Zuge seiner Dissertation durchgeführt hat, mehr und mehr unter den Präsentations- und Produktionsdruck des professionellen Wissenschaftssystems geraten und davon, wie seine Widerstände gegen diesen Druck ihm allmählich einen Fluchtweg von der Wissenschaft in den Tanz bahnten, wo seine Forschungen allerdings alsbald einem strukturell ähnlichen Druck ausgesetzt waren. Product of Circumstances, das mittlerweile als paradigmatisch für das Format der Lecture-Performance gilt, war auch deshalb von so großer Wirkung, weil es – im Rahmen von Tanz-Festivals präsentiert – gerade als Lecture-Performance diesen Druck in radikaler Weise zurückzuweisen schien: eigentlich gerade kein Produkt, keine Präsentation, sondern lediglich der persönliche Erfahrungsbericht eines Forschers zwischen zwei sehr unterschiedlichen Diskursen um den Körper. Doch ebenso wie die Lecture-Performance im Sinne der Direktumsetzung einer Recherche oder des Enactments eines Konzepts oder der dokumentarischen Zusammenstellung einer Reihe von eher prekären Stationen künstlerischen Experimentierens und Suchens das klassische Endprodukt zu verweigern scheint, steht sie doch im gleichen Zug auch für das Ubiquitär-Werden von Produkt- und Präsentationszwang.
In dieser Ambivalenz ist die Lecture-Performance der Performance der Business-Präsentation unter Umständen enger verbunden als dem wissenschaftlichen Vortrag. Die Konjunktur der Lecture-Performance und die Konjunktur der Business-Präsentation hätten hier gleichsam denselben Spin: Es handelt sich um den Spin einer Ökonomie, die sich fortschreibt, indem sie den Kern einer ‚eigentlichen Produktivität’ im Inneren ihrer organisatorischen Performance immer weiter teilt und im Modus eines erst noch zu erzielenden Optimums entzieht.
Performance ist im Vokabular dieser Ökonomie nichts anderes als eine nicht enden wollende passage à l’acte de produire, ein unendlicher Aufschub bis zur vollkommenen Wirklichkeit der Produktion. In seinem Buch Perform or Else. From Discipline to Performance begreift Jon McKenzie Performance als eine Art Steigerungslogik im Entzug der klassisch-industriellen Produktivität und sieht Performance damit als ein Dispositiv, das das alte Dispositiv der Disziplinierung ablöst. Oder mit den Worten Joschka Fischers: „Es gilt heute, ein Mehr an Transparenz sichtbar zu machen.“
Interessanterweise hat das, was im Zuge dieses Aufschubs einer ‚eigentlichen Produktivität’ – im Zeichen von Performance – produziert wird, dabei durchgehend den Charakter eines Spin offs. Das Spin off wäre damit gewissermaßen zur Figur einer Produktivität im Entzug geworden, die Lecture-Performance eines ihrer bevorzugten Formate.
Umgekehrt gibt es jedoch auch Lecture Performances, die sich gerade diese Funktion des Formats im Sinne einer Mimikry an die Business-Präsentation strategisch zunutze machen; so ist es zum Beispiel den Yes Men aus New York mittels gefakter Web-Auftritte mehrfach gelungen, als Vertreter eines global players wie etwa der WTO zu großen Kongressen eingeladen zu werden, um dort mit überraschenden Präsentationen einigen Staub aufzuwirbeln.
III.
Bekanntermaßen ist der skizzierte Spin, die passage à l‘acte de produire, und der mit ihr verbundene ubiquitäre Zwang zur (Selbst-)Präsentation auch in der Wissenschaft wirksam, macht auch hier vor hergebrachten Produktionslogiken nicht Halt und verändert die Art der Präsentationen. Dennoch hat die Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft auch ihren ganz eigenen, spezifischen Spin. Was macht diesen Spin aus? In erster Linie organisiert sich in diesem Spin der ständige Wiedereintritt kultureller Praxis in sich selbst, das transmediale Wiedereinspeisen von Texten, Bildern, Filmen, Gesten, und so fort in den Entstehungsprozess von Texten, Bildern, Filmen, Gesten und so fort; ein Vorgang, der im 20. Jahrhundert in allen Künsten an Fahrt gewonnen hat, mit immer größerer Offenheit betrieben worden ist und selbst nach künstlerischer Formalisierung und nach der Entwicklung einer eigenen Virtuosität verlangte.
Vor diesem Hintergrund mag es eher ein Zeichen für Berührungsängste gegenüber der Wissenschaft sein, dass die Künste im Zuge dessen das Auditorium, die Bühne des Vortrags, so vergleichsweise spät für sich entdeckt, so vergleichsweise wenig genutzt haben. Als Gegenbeispiel aus jüngerer Zeit wäre etwa die Frankfurter Poetikvorlesung von Rainald Goetz zu nennen, die in dem Buch Abfall für alle dokumentiert ist. Sollte man jedoch auch für diesen Typ der Lecture als transmediales Reentry kultureller Produktion ein erstes Mal benennen, so wäre versuchsweise auf Laurie Anderson zu verweisen, die in den sechziger Jahren das Format der kunsthistorischen Vorlesung für ihre frühesten Performances adaptierte.
Als ‚spät’ und ‚wenig’ kann man dies insofern bezeichnen, als das Auditorium (englisch: das Lecture-Theatre) – zumindest in seiner im weitesten Sinne kulturwissenschaftlichen Variante – seit langem nichts anderes als ein Labor für diesen Wiedereintritt kultureller Praktiken in sich selbst ist: ein als kontaminationsfrei gesetzter Raum, der kulturelle Einheiten (Texte, Bilder, Filme, Tonbeispiele etc.) gezielt ihrem Kontext enteignet, um sie nach neuen Kriterien wieder zusammenzusetzen.
Betrachtet man den wissenschaftlichen Vortrag aus dieser Perspektive, erweist er sich allerdings in erster Linie als eine Performance des Archivs: ‚Vortrag’ – das meint in einer alten Bedeutung auch das Vortragen, das nach vorne Tragen eines Dokuments aus einem Archiv. Was im Auditorium also im Sinne der actio, der rhetorischen Bezeichnung für den Vortrag im Vollzug, aktualisiert wird, sind nicht einfach Elemente aus einer gegebenen Umwelt, aus einer das Auditorium umgebenden kulturellen Wirklichkeit, sondern Elemente, die in ihrer Aktualisierbarkeit durch die Ordnungsmuster und die medialen Konfigurationen von Archiven bestimmt werden. Umgekehrt ist aber auch das Archiv nicht unabhängig vom Szenario seiner Performance, denn Archiv ist es nur, solange es qua Aktualisierung in Bewegung gehalten wird, das heißt solange qua Performanz immer wieder bestimmte Zugriffe, Eingänge in das Archiv geöffnet werden. Zudem werden Archive, wie die Diapositivsammlungen der Kunstgeschichte oder die Tonbeispielsammlungen der Musikwissenschaft zeigen, nicht selten auf die Situation ihres ‚Vortrags’ hin angelegt und qua Kanonisierung vorsortiert. In der Folge haben neue mediale Techniken von Aufzeichnung und Aktualisierung jeweils auch neue Beziehungen zwischen Archiv und Vortrag gestiftet und damit bestimmte wissenschaftliche Disziplinen aller erst florieren lassen. Für das Auditorium als Labor gilt also: Das, was hier verhandelt wird, ist außerhalb des Szenarios wissenschaftlichen Vortragens nicht einfach vorhanden, es wird in den Operationen des Vortragens als kulturelle Einheit formatiert.
Mir scheint nun, dass erst dort, wo Lecture-Performances dieses in der Wissenschaft meist dissimulierte wissenspoietische Prinzip des Vortrags aufgreifen, eine echte Auseinandersetzung zwischen Kunst und Wissenschaft im Format der Lecture einsetzt. In Reaktion auf die gängige Dissimulatio der Wissenschaft hinsichtlich ihres Anteils an der Produktion ihrer Gegenstände greifen eine Reihe von Lecture-Performances dieses Prinzip auf, indem sie es in die Dokufiction überdrehen. Zu nennen wären hier beispielsweise die Vorträge von Hans-Peter Litscher oder die Formation der Wagner-Feigl-Forschung mit ihrer Lecture-Performance Die Enzyklopädie der Performancekunst. Die Archive und Dokumente, auf die sich diese Vorträge beziehen, stehen auf der Grenze zur Fiktion, markieren diese Grenze und transportieren dabei in ihrer Aktualisierung die Spielräume und Paradoxien archivarischer beziehungsweise historisch-wissenschaftlicher Evidenzproduktion.
IV.
Die Figur der Dokufiction in der Lecture.Performance wirft zudem ein interessantes Problem auf: Wenn von der Performativität der Wissenschaft die Rede ist, so verbindet sich damit die Einsicht, dass die Generation von Wissen und die Darstellung von Wissen keine klar voneinander zu trennenden Prozesse sind, sondern dass beide in komplexer Weise ineinander greifen. Der szenische Charakter der Lecture-Performance legt es nahe, diesen Zusammenhang in die Figuration der Dokufiction zu überdrehen und darin zu markieren. Dennoch bliebe diese Operation belanglos, wenn sie nur darauf zielen würde, die Wissenschaft der Dissimulatio ihrer Actio, also der aktiven Mitwirkung an der Formatierung ihres Gegenstands, zu überführen. Denn umgekehrt ist es gerade der ursprünglich antifiktionale Gestus der Performance-Art, also das Bestehen der Performance-Art auf einer jeweils neu zu definierenden Form der Realitätsprüfung, der zwischen Performance-Art und wissenschaftlicher Praxis eine Verbindung schafft und nahe legt, das Ineinandergreifen von Generation und Darstellung als Performativität der Wissenschaft zu bezeichnen. Denn auch die Wissenschaft ist an der Formatierung ihrer Gegenstände ja gerade insofern beteiligt, als sie selbst immer wieder neue Verfahren der Realitätsprüfung, neue Evidenztechniken entwickelt. Die Generation und die Darstellung von Wissen greifen also in wissenschaftlichen Verfahren der Figuration von Evidenz ineinander. Will man sich dem Performance-Charakter des wissenschaftlichen Vortrags nähern, dann ist damit folglich nach der Figuration von Evidenz im Szenario des Vortrags gefragt. In diesem Sinne wäre eine Lecture-(as)-Performance dann ein ‚Vortragslabor’, ein weiterer Typ der hier provisorisch erstellten Poetologie, wenn sie das Ineinandergreifen von Darstellung und Generation im einzelnen auf die Probe stellt, es einer Prüfung in der Vortragssituation selbst aussetzt.
Dies setzt jedoch die Beschäftigung mit einer komplexen Frage voraus: Wie haben in der wissenschaftlichen Praxis des Vortragens, also in einer Performance mit Jahrhunderte langer Tradition, immer schon Methoden und Künste, wissenschaftliche Verfahren und rhetorische oder mediale Techniken, wissenschaftliche Konventionen und subversive Taktiken zusammengespielt, um Evidenz sich ereignen zu lassen? In der Beschäftigung mit dieser Frage, der Frage nach der Kunst der Demonstration, geht es zugleich darum, die Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft nicht nur an den Rändern zu suchen, dort wo beide einander als gesellschaftliche Systeme berühren und aufeinander reagieren, sondern inmitten der wissenschaftlichen Praxis selbst, im sich unablässig spaltenden Kern ihres Kerngeschäfts: der öffentlichen Beweisführung im Namen der Wahrheit.
Anzuschließen wäre dafür zunächst an solche Vorträge, die das Vortragen selbst zum Thema machen und dabei eine paradoxe Logik der Selbstexemplifikation aufrufen, also eine Situation erzeugen, in der die Performanz des Vortragens in eine produktive Spannung zu den Thesen tritt, die im Zuge des Vortrags geäußert werden, wie beispielsweise in Jacques Derridas Vortrag Titel (noch zu bestimmen) oder in John Austins Vorträgen über den Sprechakt, deren Aussagen sich immer wieder im Sprechakt des Vortragens selbst brechen und differenzieren.
Auch in der neueren Lecture-Performance kommt diese für das ‚Vortragslabor’ typische Figur der Selbstexemplifikation vor. Als prototypisch wäre dabei sicherlich John Cages Vortrag über nichts zu nennen, in dem Cage seine Aussagen über strukturale Kompositionsprinzipien an der Struktur des Vortrags selbst vor Augen führt, diese autodemonstrative Geste jedoch zugleich in der Behauptung zurückzieht, eigentlich über nichts zu sprechen. Als ein anderes, neueres Beispiel könnte etwa Joshua Sofaers Lecture-Performance über Embarassment/Peinlichkeit gelten, in der der Vortragende versucht, im Zuge eines Vortrags über die Peinlichkeit tatsächlich Peinlichkeit im Auditorium zu erzeugen. Im Unterschied zum Vortrag über nichts nimmt Sofaer die Figur der Selbstexemplifikation nicht zurück, sondern unterstreicht sie und treibt sie damit bewusst in ein Scheitern, das dann seinerseits zum Untersuchungsgegenstand wird: Denn entweder es misslingt, Peinlichkeit zu erzeugen, weil man eben immer dann nicht peinlich berührt ist, wenn man es sein will oder soll, oder man ist es ohnehin schon, dann wird es jedoch unmöglich, ein konkretes Beispiel zu geben. In diesem Sinne ist es für die Figur der Selbstexemplifikation im ‚Vortragslabor’ kennzeichnend, dass sie, gerade indem sie die Produktion von Evidenz ganz direkt anzusteuern scheint, ein ständiges Verfehlen, eine stete Defiguration von Evidenz hervorruft. Eine Lecture-(as)-Performance, die ihr Interesse auf den wissenschaftlichen Vortrag selbst richtet, produziert also nicht einfach Evidenz im Sinne einer performativen Selbstbestätigung aller geäußerten Thesen. Der Prozess der Figuration von Evidenz ist vielmehr nur genau dann kenntlich zu machen, wenn die Referenz und die Performanz des Vortragens so in Spannung zueinander gebracht werden, dass eine Defiguration von Evidenz sich ereignen kann, dass also der Performanz des Vortrags in ganz spezifischer Hinsicht die Möglichkeit gegeben wird, die Referenz der geäußerten Thesen zu destabilisieren. Dies geschieht – doch damit spreche ich nun von meiner eigenen Versuchsanordnung in The Art of Demonstration – vielleicht nicht einmal in erster Linie in kritischer Absicht, zu der es sicherlich Anlass gäbe, sondern vielmehr um in eine besondere Unschärfezone einzutreten: in jene Unschärfezone einer Kunst inmitten der Wissenschaft, aus der, wie die Geschichte des Wissens zeigt, immer wieder neue Evidenztechniken erwachsen sind.
V.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat eine ganze Reihe von Studien für unterschiedliche Epochen und epistemische Felder nachgewiesen, dass die Etablierung neuer wissenschaftlicher Evidenztechniken nicht nur jeweils mit einer Neuorganisation des Wissens, mit einer Infragestellung und Neudefinition dessen, was Wissenschaft ist und was nicht, verbunden war, sondern vor allem auch mit der Entstehung neuer Formen von Öffentlichkeit einhergegangen ist. Dies ist plausibel, insofern sich Evidenz immer in Abhängigkeit von der Zeugenschaft einer in bestimmter Weise verfassten Öffentlichkeit herstellt. Wenn in der besagten Unschärfezone einer Kunst der Demonstration inmitten der Wissenschaft also neue Evidenztechniken sich entwickeln, so geschieht dies auch im Zuge einer Rekonfiguration von Öffentlichkeiten.
Als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist der Vortrag in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder zum Szenario einer solchen Rekonfiguration geworden. Insofern die ‚Performance’ einer gängigen Definition nach eine Kunstform ist, die von der Annahme einer wie auch immer gearteten Beteiligung des Publikums ihren Ausgangspunkt nimmt , erscheint die Lecture-Performance nun prädestiniert, gerade diesen Aspekt aufzugreifen; und man könnte sich in der Tat fragen, ob Lecture-Performances bei aller Divergenz eben dies gemeinsam hätten: auf der Suche nach neuen Arten von Öffentlichkeit zu sein.
Angesichts dessen scheint es sich mit Blick auf die Geschichte des wissenschaftlichen Vortragswesens anzubieten, auch an den seit einiger Zeit neubelebten Diskurs um die sogenannte ‚Popularisierung’ der Wissenschaft anzuknüpfen. Die zeitgenössische Lecture-Performance-Szene, wenn es sie denn gibt, zeigt dazu bisher wenig Neigung , einige eher zaghafte Versuche in Richtung Parawissenschaften vielleicht ausgenommen. Dies ist verständlich, solange mit der Popularisierung der Wissenschaft im Wesentlichen eine politökonomisch motivierte Werbung um ein neues Vertrauen in die Natur- und insbesondere die sogenannten Lebenswissenschaften verbunden wird. Die Geschichte des 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts zeigt aber auch, dass die Popularisierung der Wissenschaften – gleichgültig wie reaktionär ihre offizielle Programmatik auch gewesen sein mag – immer wieder subversive und parasitäre Strategien ermöglicht hat, Strategien, die sich nicht zuletzt szenischer Mittel bedienten. Hier wäre etwa an jene Vortragsreisenden zu erinnern, denen es im 19. Jahrhundert immer wieder gelang, unter dem Deckmantel, der Vermittlung von Wissenschaft und Gesellschaft dienen zu wollen, ihre eigenen exzentrischen Theorien und Lehren in den öffentlichen Diskurs einzuschleusen. Gerade die Popularisierung erlaubte es Exzentrikern, die im institutionellen Innern der Wissenschaft nicht Fuß fassen konnten, eine Randexistenz zu stabilisieren, von der aus sie schließlich doch noch ‚im Namen der Wissenschaft’ öffentlich Gehör fanden. Exzentrik dieser Art ist zudem als eine Figur der Überdrehung zu kennzeichnen, die der Wissenschaft konstitutiv eingeschrieben ist und sein muss, eine Figur also, die es im Szenario des Vortrags auch heute zu bewahren gilt. Denn moderne Wissenschaft muss ihrem Prinzip nach darauf bestehen, die Wissenschaft aller zu sein; sie ist also Wissenschaft nur dann, wenn es prinzipiell möglich ist, dass jede Stimme, die im Namen der Wissenschaft sprechen und ein Beweisverfahren anstrengen will, auch Gehör findet. Dieses Gesetz steht nun offenkundig im Konflikt mit den Ordnungen disziplinärer Diskurse und kann in keiner konkreten Institution, keiner noch so gutmeinenden Fachdiskussion gewahrt bleiben. Gerade deshalb ist für moderne Wissenschaft jener immer bedrohte, per se exzentrische Randbereich so unverzichtbar, ein Bereich, den man populär- oder auch parawissenschaftlich nennen könnte, wären diese Begrifflichkeiten nicht so besetzt; ein ‚Auditorium’ im weitesten Sinne, in dem die Entscheidung, ob etwas Wissenschaft ist oder nicht, für eine bestimmte Zeit suspendiert und damit ein ums andere Mal aufgeschoben wird. Bedroht ist dieser unverzichtbare Randbereich heute unter anderem durch den erhöhten ökonomischen Legitimations- und Definitionsdruck, der auf die wissenschaftlichen Disziplinen ausgeübt wird, und nicht weniger durch die Konjunktur der Figur des ‚Experten’. Bedroht ist er aber auch durch die hegemoniale Programmatik dessen, was heute unter der Bezeichnung einer Popularisierung der Wissenschaft gefördert wird. Gerade deshalb ist dies das Feld einer Auseinandersetzung, die es zu führen gilt – und zwar aus exzentrischer Position. Zu führen ist diese Auseinandersetzung auch deshalb, weil immer dann, wenn in Frage steht, ob ein Vortrag im Namen der Wissenschaft gehalten wird oder nicht, zugleich die Grenze zu anderen Formen öffentlicher Rede suspendiert oder zumindest thematisiert werden können. In dem besagten Randbereich stehen also auch die Grenzen zwischen wissenschaftlichem, politischem, religiösem, juridischem Diskurs ein Stück weit immer zur Disposition. Auf dieser Basis können im Genre des populärwissenschaftlichen Vortrags zuweilen ‚Hybride’ der öffentlichen Rede entstehen, in denen gesellschaftlich bisher ungehörte Stimmen zu Wort kommen.
Vielleicht könnten jene Lecture-Performances, die in der Auseinandersetzung mit den Grenzen der Diskurse ansetzen – zwischen wissenschaftlicher Präsentation, politischer Rede, Predigt und Plädoyer –, einen letzten Typ von Lecture-Performances in meiner provisorischen Poetologie ausmachen. Ein Beispiel dafür wären die Lectures der Gruppe prodesse et delectare. Allerdings sind die Lecture-Performances bisher gezählt, die das Szenario des populärwissenschaftlichen Vortrags als ein ‚kulturelles Labor’ begreifen, in dem auf der Suche nach einer neuen Form von Öffentlichkeit die verschiedenen Szenarien der öffentlichen Rede ihr Verhältnis zueinander aushandeln.
Dabei kann sich ein totalitäres Potential entfalten, sobald es dem Vortragenden darum geht, die Grenzen zwischen wissenschaftlicher, politischer, juridischer und religiöser Rede gezielt zu verwischen und so im Extrem ihre Einheit zu behaupten. Umgekehrt kann sich in der Performance des populärwissenschaftlichen Vortrags aber auch der Ursprung dessen zeigen, was man public speaking nennt – also der Punkt, in dem public speaking immer schon und immer wieder in eine Vielzahl von Formaten und Szenen zerspringt und dabei eine Diversion von Öffentlichkeiten erzeugt; aber auch der Punkt, in dem public speaking immer schon mehr und anderes war und ist als Sprache, als Logos: Making Things Public.
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