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Das Leben der Zeichen"Voilà, meine erste Hommage", sagt die Kulturwissenschaftlerin und Dramaturgin Vera Knolle am Ende ihres Vortrags, und man versteht, obwohl sie den Satz als Zitat ausgibt, unwillkürlich: Hommage auf Xavier Le Roy. Denn wer käme sonst in Betracht? Knolle hat in ihrer Lecture Performance mit dem Titel I didn't mean to hurt you von niemand anderem geredet als von Le Roy und dessen inzwischen legendärem Stück Product of Circumstances von 1997, mit dem der Tänzer und Choreograf gleich zwei neue Kunstrichtungen ins Leben gerufen hatte: die, die später mit dem Begriff Konzepttanz belegt wurde sowie das Zwitterwesen Lecture Performance, in dem sich idealerweise Theorie und Praxis in der Weise mischen, dass sie nicht mehr voneinander zu trennen sind. Keinesfalls ein Loblied Irritierend ist der Hommage-Satz gleichwohl. Denn Knolle singt hinter ihrem Rednerpult im "Atelier Frankfurt" keineswegs ein Loblied auf Le Roy und dessen Stück; vielmehr pickt sie sich einen Satz heraus und hackt auf ihm herum: Le Roys Regieanweisung für den Fall, dass sein Stück nachgespielt würde, jede persönliche Beimischung von Ironie, Sarkasmus, Romantik oder Leid zu unterlassen. Auf dieser Forderung baut Knolles Vortrag auf; in einer Mischung aus Pamphlet und akademischer Belehrung versucht sie den Beweis anzutreten, dass eine solches Postulat unsinnig sei, ein Verstoß gegen die Gesetze jeglicher Performance, gegen das Recht des Performers auf Interpretation, ja, dass es eine größere Ignoranz gegenüber der Verwandlungskraft und dem Eigenleben von Bühnenzeichen nicht geben könne. Le Roy steht mit einem Wort als rechter Depp da, und wir mit ihm nicht viel besser, wenn wir diese Hommage - in Ermangelung einer Alternative - auf ihn beziehen. Das ist dennoch nicht unberechtigt. Denn wenn Vera Knolle plötzlich ihre zeichentheoretischen Ausführungen unterbricht und Bewegungsfolgen aus Le Roys Product of Circumstances minuziös reproduziert, dann ist es dieser Titel, der in ihrer doppelbödigen Performance zum heimlichen Leitfaden wird. Knolle setzt nämlich mit jedem Schritt, jeder Armbewegung das chimärenhafte, paradoxe Leben der Zeichen in Szene: Sie zeigt - und widerlegt sich dabei scheinbar selbst -, dass ein Zeichen sich sehr wohl unverändert wiederholen lässt, und zugleich demonstriert sie das Gegenteil davon. Dieselben Zeichen - nur beraubt jetzt gleichsam der Le Royschen Circumstances, des Kontextes, der vielleicht sie erst in den Rang von Zeichen erhoben hatte -, bedeuten nicht mehr dasselbe. Sie sind jetzt Gesten zur Veranschaulichung des zeichentheoretischen Satzes über die Identität und Nichtidentität eines Zeichens geworden. Bald in diesem, bald in jenem Licht Natürlich hätte man zu diesem Resultat von Knolles Performance auch einfacher gelangen können, etwa mit dem simplen Hinweis auf die Kontextgebundenheit der Wörter, Gesten und Sätze. Aber dann hätten wir diese Reise durch die Welt der Zeichen und der Möglichkeit, sie immer neu und anders zu verstehen, nicht gemacht. Und vor allem: wir hätten nicht das Drama ihrer multiplen Persönlichkeit erlebt, nicht gesehen, wie sie uns bald in diesem, bald in einem anderen Licht erscheinen. Jutta Baier, Frankfurter Rundschau, 7. Januar 2006 |